05.11.2019

Dramatische Unterfinanzierung der Geburtshilfe

Bundestagsabgeordnete Dr. Julia Verlinden besucht Klinikum Lüneburg

In den letzten 15 Jahren mussten bundesweit 30 Prozent der Kreißsäle schließen. Wegen personeller und räumlicher Überlastung werden Schwangere selbst in Ballungsräumen wie Berlin trotz Geburtsbeginn an der Kreißsaaltür abgewiesen. „Ursache ist die dramatische Unterfinanzierung der Geburtshilfe in Deutschland“, sagt Prof. Dr. med. Peter Dall, Chefarzt der Frauenklinik und Vorsitzender der Norddeutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (NGGG). „Eine normal verlaufende Entbindung wird im Fallpauschalen(DRG)-System der deutschen Krankenhausfinanzierung mit 1.800 Euro vergütet, völlig unabhängig von der in der Regel 8- bis 10-stündigen Dauer. Zum Vergleich: Eine Blinddarm-Operation dauert in der Regel 20 bis 30 Minuten und wird mit 2.800 Euro vergütet.“

Dies stehe in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Aufwand, insbesondere der personellen Vorhaltekosten für den Fall evtl. auftretender Komplikationen. Dann müsse sofort ein Team aus Ärzten und Pflegepersonal einsatzbereit, also in der Klinik sein. „Am Klinikum Lüneburg schaffen wir das nur durch Querfinanzierung über andere Bereiche der Gynäkologie. In Häusern, denen das nicht gelingt, werden die geburtshilflichen Abteilungen wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit geschlossen.“

Die niedersächsische Bundestagsabgeordnete der Grünen Julia Verlinden MdB besuchte jetzt das Klinikum Lüneburg, um sich vor Ort über die Situation der Geburtshilfe zu informieren. „Die Arbeitsbedingungen in den Kreißsälen müssen dringend verbessert werden. Die Personalausstattung in Kliniken muss so bemessen sein, dass für jede Frau während der Geburt eine eins-zu-eins-Betreuung durch Hebammen gewährleistet ist“, unterstreicht Julia Verlinden die Forderung der grünen Bundestagsfraktion.

Ohne Korrektur der finanziellen Schieflage in der Geburtshilfe wird es nach Einschätzung von Prof. Dall zu einer Zunahme der kindlichen und mütterlichen Risiken kommen. „Das wäre ein herber Rückschlag für die klinische Geburtshilfe in Deutschland, die weltweit führend in der niedrigen Morbidität und Mortalität für Mutter und Kind ist“, so Prof. Dall. „Der dafür erforderliche Personalaufwand (24 Stunden / 7 Tage) wird in der Vergütung der Geburtshilfe, insbesondere der Vergütung der Spontangeburt, in keiner Weise berücksichtigt.“

Die NGGG fordert vom Bundesministerium für Gesundheit eine Zukunftssicherung der exzellenten Geburtshilfe in Deutschland durch eine Verbesserung der Vergütung insbesondere der Spontangeburt. So könnte eine flächendeckende Versorgung auf höchstem medizinischen Niveau und auch eine leistungsgerechtere Vergütung der beteiligten Berufsgruppen erfolgen, die der hohen Verantwortung dieser Tätigkeit gerecht wird.